Jiu-JitsuÜber dem Ursprung und die Anfänge des Jiu-Jitsu liegen undurchdringliche Schleier. Doch erzählt die Legende, die über die Jahrtausende hin mündlich überliefert wurde, einiges über die vermutliche Entstehung des Jiu-Jitsu. Einmal - so wird erzählt - soll ein kleiner Chinesenjunge mit Namen Li Tei Feng bei einem großen Sturm beobachtet haben, wie die dicksten Bäume entwurzelt und stärksten Äste geknickt wurden. Nur ein kleines Bäumchen wurde verschont; es bog bescheiden seinen Wipfel hinunter zur Erde. Doch als der Sturm aufgehört hatte, richtete es sich wieder auf und stand unbeschädigt da wie zuvor. Der Schauplatz dieser Legende wird in China noch heute als die Geburtsstätte des Judo-Prinzips "Siegen durch Nachgeben" angesehen. Eine andere Überlieferung erzählt von einem Weidenbaum und einem Kirschbaum im Winter. Unter der Last des Schnees brachen die Äste des Kirschbaums wie Streichhölzer, während die Weide biegsam nachgab, den Schnee abrutschen ließ und ihm keine Angriffsfläche bot. Auch hier wieder das Prinzip "Siegen durch Nachgeben". Es ist möglich, dass diese beiden Begebenheiten in den frühen Anfängen des Jiu-Jitsu Pate gestanden haben; nachgewiesen werden kann es jedoch nicht.
In diesem Zusammenhang wird auch berichtet, das alte Jiu-Jitsu gehe auf eine besondere Massagekunst der Inder zurück. Diese kannten schon sehr früh über einhundert schmerzempfindliche Stellen am menschlichen Körper, die später in der Yuan-Dynastie (1261 - 1368) für den Zweikampf ohne Waffen ausgenutzt wurden und sich im heutigen Zweiggebiet des Judo, im Atemi-Waza, wiederspiegeln. Die Verfechter der Meinung, das Jiu-Jitsu sei ausschließlich japanischen Ursprungs, haben viele Gegner. Denn zu allen Zeiten hat es Menschen gegeben, die im Ringkampf Mittel und Wege suchten, durch geschickte Ausnutzung der gegnerischen Bewegungen oder durch "geheime" Griffe im Spiel zu siegen oder im Kampf zu überleben. An erster Stelle stehen die fernöstlichen Länder Indien, China und Japan, die alte Schriften über "Raufkünste" überliefert haben. Auch bei den Griechen gab es im Altertum das noch heute bekannte Pankration, eine Art von kombinierten Ring- und Faustkampf. Etwa im 11. Jahrhundert finden wir in Irland den Glima-Kampf, im 14. Jahrhundert haben wir den englischen Cornwall-Stil, der ebenfalls als Nahkampf ohne Waffen betrieben wurde. Über das alte deutsche Freiringen gibt es zahlreiche Kupferstiche von der Hand Albrecht Dürers (1471 - 1528), auf denen die Kunstgriffe der Landsknechte beim Ringen gezeigt werden; sie haben eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Wurftechniken des modernen Judo. Es existiert weiterhin ein Lehrbuch für Ringer von Fabian Auersbach, ferner ein Jiu-Jitsu-ähnliches Fechtbuch von Talhoffer, ebenso ein Buch "Das Ringen im Grüblein" mit Judo verwandten Techniken und schließlich in Holland die "Worstel-Konst" von Nikolais Petter. Das eigentliche Jiu-Jitsu kam über Indien nach China und von dort nach Japan. Um etwa 650 n. Chr. soll ein in Edo (heute Tokio) lebender Chinese mit Namen Tsin Gembin einen Samurai (japanischen Ritter) erstmals in die Kunst des Jiu-Jitsu eingeweiht haben. Auch wird berichtet, dieser Chinese sei den Samurai an der Küste der Insel Hokkaido in die Hände gefallen und konnte sein Leben nur durch die Preisgabe seiner Kunst retten.
Diese Kunst wurde dann nach 1650 von den Samurai und später von vielen Tausenden nachahmungseifrigen Japanern zu einem großartigen System der Selbstverteidigung ausgearbeitet. So entwickelten sich im Laufe der Jahre - geographisch bedingt - viele Bezeichnungen Toride, Kogusoku, Kumiuchi, Shibaku, Yawara, Taijutsu (gilt noch heute als eine besondere Form des Wettkampfjudo), Wa-jutsu, Kempo, Hakuda und Jiu-Jitsu. Alle Systeme verfolgten den Grundgedanken, daß ein Schwächerer einen Stärkeren im Kampf ohne Waffen kampfunfähig machen und ihn, wenn nötig, töten könne, nach dem Grundsatz "Drücke, wenn der Gegner zieht, und ziehe, wenn der Gegner drückt". Als Ende des 19. Jahrhunderts - also nach 230 Jahren - das japanische Volk unter Einfluss der europäischen Zivilisation eine Periode der Verachtung gegenüber allem Einheimischen durchmachte, wurde auch "die sanfte Kunst" abgelehnt und geriet allmählich in Vergessenheit. Nur durch einen Zufall erfuhr die geniale Selbstverteidigung eine verdiente Rehabilitierung: Wiedererwecker war der deutsche Arzt aus Bietigheim/Württemberg, Dr. Erwin von Bälz, der heute als geistiger Initiator des Judo gilt. Im Jahre 1877 machte dieser schwäbische Medizinprofessor an der kaiserlichen Universität in Tokio (von 1876 - 1882) den jungen Studenten Jigoro Kano (1860 - 1939) auf das alte Jiu-Jitsu aufmerksam. Dr. von Bälz empfahl außerdem der Regierung die Verbreitung dieses großartigen Sports, wobei er zahlreiche Widerstände überwinden musste.
Auf seine Anregung hin arbeitete sein Schüler Kano eine Umformung des alten Jiu-Jitsu aus und machte dieses für dadurch für die gesamte japanische Jugend "salonfähig". Mit 22 Jahren gründete Kano im Frühjahr des Jahres 1882 im alten Tempel "Eishoji" (zu deutsch "Weidenherzschule") die erste Übungsstätte. Nach dem Studium aller bis dahin schon existierenden verschiedenen Techniken, Richtungen und Schulen fasste Jigoro Kano diese zu einem eigenen Jiu-Jitsu-System zusammen. Dieses wird noch heute in der westlichen Welt gelehrt. Kano ging aber weiter und entwickelte aus dem gefahrvollen Jiu-Jitsu die sanfte Sportart Jiu-Do (heute Judo, der sanfte Weg). Jigoro Kano sah anfänglich keinen erzieherischen Wert in dem zweckbetonten Jiu-Jitsu, außerdem war diese Selbstverteidigung für den Zweikampf auf der Matte nicht geeignet. Und schließlich bemängelte Kano die fehlende Schönheit und Eleganz der Bewegungen. Kurzum: Kano schaffte alle verletzenden Griffe des Jiu-Jitsu ab und behielt lediglich für sein neues Judo einige Würfe und Bodenangriffe bei.
Nach dieser Zeit trat diese Sportart ihren Siegeszug durch Japan an. Jigoro Kano gründete im Jahre 1886 die größte Judolehrstätte Kodokan, die noch heute in Tokio exestiert. Der Kodokan gilt jetzt als das Mekka aller Judosportler der Welt. Und wenn diese während des Trainings ihren Kotau vor dem Gegner machen, ist diese Verbeugung gleichzeitig eine Ehrerbietung vor dem großen Kanoschen Judoprinzip. Immer mehr Mitglieder gingen seinerzeit zu Kano und fanden Interesse an seinem in das Gewand des Sports gekleideten moralischen Prinzip. Heute erreicht die Zahl aller Judo-Enthusiasten der Welt die beachtliche Stärke von über 6 Millionen und hat damit sogar alle anderen Kampfsportarten übertroffen. In Deutschland wurde das Jiu-Jitsu von Altmeister Erich Rahn, dem "Meister der 1000 Griffe" eingeführt, der im Jahre 1906 die noch heute bestehende "Erste Berliner Jiu-Jitsu-Schule" eröffnete. Rahn erreichte es, dass Jiu-Jitsu bei der Polizei, im Heer und in der Justizverwaltung gelehrt wurde. 1924 wurde er Dozent für Jiu-Jitsu an der Deutschen Hochschule für Leibesübungen in Berlin. | Gürtelfarbe: Karate / Schülergrade | | Gürtelfarbe: Karate / Meistergrade | 6. Kyu
| Weiß | | 10. Dan
| Rot
| | 5. Kyu | Gelb | | 5. - 9. Dan
| Rot/Weiß | | 4. Kyu | Orange | | 1. - 4. Dan
| Schwarz
| | 3. Kyu | Grün | | | | | 2. Kyu | Blau | | | | | 1. Kyu | Braun | |
Die Entwicklung des Jiu-Jitsu und Judo in Deutschland von 1905 bis 1965 (Die ersten 60 Jahre)1905
| Dr. E. Bälz kehrt von Japan nach Deutschland zurück und wirbt erstmals für Jiu-Jitsu und Judo.
| | 1906 | Eröffnung der ersten Jiu-Jitsu-Schule in Deutschland (Berlin) durch den 21-jährigen Erich Rahn.
| 1910
| Einführung des Jiu-Jitsu bei der Berliner Kriminalpolizei durch Erich Rahn.
| | 1912 | Erster Besuch von Professor Jigoro Kano in der Schule Erich Rahn.
| | 1913 | Einführung des Jiu-Jitsu bei der Militär-Turnanstalt in Berlin und der Garderegimenter in Potsdam durch Erich Rahn.
| 1919
| Einführung des Jiu-Jitsu-Unterrichts bei den uniformierten Polizeiorganen in Berlin und in anderen Städten Deutschlands.
| 1920
| Tourneen durch Deutschland. Engagements am Varieté und Zirkus, verbunden mit vielen erfolgreichen Kämpfen gegen Ringer und Boxer. - Zur gleichen Zeit Ausbildung der Polizei.
| 1921
| Ausbildung der Justizbeamten in Gefängnissen und Zuchthäusern in Berlin und München durch Erich Rahn.
| 1922
| Gründung des "Zentral Verbandes Deutscher Jiu-Jitsu-Kämpfer" (Berufsverband). Erste Deutsche Jiu-Jitsu-Meisterschaften im "Berliner Sportpalast", Sieger: Rahn. Gründung des ersten Berliner Jiu-Jitsu-Clubs durch Erich Rahn und des 1. Deutschen Judo-Clubs in Frankfurt/Main durch Alfred Rhode.
| | 1923 | Gründung des "Reichsverbandes für Jiu-Jitsu" durch Erich Rahn.
| 1924
| Erster Zusammenschluss der Amateur-Verbände (Deutscher Athletik-Bund) mit dem Reichsverband für Jiu-Jitsu. Professor Dr. Karl Diem beruft Erich Rahn als Dozent für Jiu-Jitsu an die Deutsche Hochschule für Leibesübungen in Berlin.
| 1930
| Erich Rahn wird Jiu-Jitsu-Lehrer an der Heeressportschule in Wünsdorf bei Berlin.
| 1932
| Gründung des "Deutschen Judo-Ringes", einem Vorläufer des "Deutschen Judo-Bundes" durch Alfred Rhode. Die erste internationale Judo-Sommerschule (Lehrgang) auf Initiative von Alfred Rhode findet in Frankfurt/Main statt.
| 1933
| Gründung der "Europäischen Judo-Union" durch Alfred Rhode.
| 1933
| Auflösung des Reichsverbandes für Jiu-Jitsu. Judo wird mit Ringen, Gewichtheben und Rasenkraftsport im "Fachamt Schwerathletik" untergeordnet.
| 1935
| Judo-Begründer Jigoro Kano ist zum zweiten Mal in Deutschland. Erste Vorbereitungen zur Eingliederung des Judo in die Berliner Olympiade (1936).
| 1945
| Die Ausführung des Judosports wurde durch ein kurioses Gesetz der Militärregierung (zusammen mit Fechten und Schießen) verboten.
| 1949
| Freigabe des Judosportes durch die Militärregierung als gemeinnütziger Amateursport für alle.
| 1950
| Wiedereröffnung der Schule von Erich Rahn in Berlin.
| 1951
| Gründung des "Deutschen Dan-Kollegiums" durch Alfred Rhode.
| 1953
| Gründung des "Deutschen Judo-Bundes" in Hamburg.
| 1954
| Erich Rahn wird Ehrenpräsident der IWJF (Internationale Jiu-Jitsu- und Judo-Federation) | 1956
| 50-jähriges Bestehen der Schule Erich Rahn in Berlin.
| 1959
| Verleihung der goldenen Ehrennadel durch den Bund-Deutscher-Leibeserzieher an Erich Rahn.
| 1961
| Erste Herausgabe des jetzigen offiziellen Fachorgans des DJB, des DDK und des ÖJV "Judo".
| 1964
| Beteiligung des DJB an der "Judo-Olympiade" in Tokio und Gewinn von einer Silber- und einer Bronzemedaille.
| 1965
| Ehrung Rahns durch den Senator für Jugend und Sport (Berlin) für die jahrzehntelange Pioniertätigkeit auf dem Gebiet des Jiu-Jitsu und Judo. Gleichzeitig 80. Geburtstag des Jiu-Jitsu-Altmeisters und 60-jähriges Jiu-Jitsu-Jubiläum. Ehrung Rahns durch den Judo-Verband Berlin (Goldene Ehrennadel). Der Deutsche Judo-Bund hat erstmals eine Mitgliederzahl von über 30 000 erreicht.
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